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Leben unter der schwarzen Sonne

oder
von Wilfrid Jaensch, der im 'Goetheanum' von dem Feuergenius des Walter Muschg erzählte,
und von Ignaz Bubis, der im ARD Martin Walser einen geistigen Brandstifter nannte.
Also:
interne Mitteilungen davon,
was in der Anthroposophischen Gesellschaft so alles vorgeht.
von Rüdiger Blankertz

Zwei synchrone Ereignisse: Jaensch veröffentlicht das Geheimnis des Walter Muschg, Martin Walser veröffentlicht das Geheimnis neudeutscher Empfindungen. Dunkles wird offenbar. Und bleibt doch dunkel. So ist das Leben unter der schwarzen Sonne. Hier leuchtet nichts, wenn nicht der selber zu leuchten beginnt, der nach Licht begehrt. Zwei Vorgänge, die also schon gar nichts miteinander zu tun haben. Doch jeder ist für mich in sich schon ein Widerspruch. Im Dunkeln zusammen gesehen ergeben sie einen Sinn. Nicht da, wo ich sie einzeln sehe. Sondern da, wo ich sie zusammen sehen will. Synchronoptik des Widerspruchs ist das Stichwort. Stichwort? Dabei soll hier gar nichts stechen. Nicht einmal ins Auge. Ein Stichwort ist - das Zeichen für einen Auftritt. Wessen Auftritt? Diese Frage darf offen bleiben. Weil man sie sich selber erst stellen und beantworten kann - zum Schluß. Schluß! Schluß da! Basta! Genug! Finito! Ende! Aufhören! Hört auf! … Eben: Macht Schluß. Aber sehen wir erst mal zu, wie wir zum Schluß kommen. Warum? Damit wir endlich anfangen können…

Anlaß dieser Anmerkung ist eine bemerkenswerte, wenn auch vielfach unbeachtet gebliebene Tat: Die Wochenschrift „Das Goetheanum" veröffentlicht einen Beitrag von Wilfrid Jaensch über Walter Muschg. Beachtet wurde indessen - wenn auch nicht im Goetheanum - eine andere Tat: Ignaz Bubis bezichtigt den Dichter Martin Walser der geistigen Brandstiftung. Haben diese Tatsachen etwas miteinander zu tun? Sie haben. Allerdings zunächst nur hier. Wo? Dort, wo man folgendes noch sagen darf:

Bekanntlich hat Rudolf Steiner mehrfach nachdrücklich darauf hingewiesen: Die Beschäftigung mit Anthroposophie kann kein Hobby sein. Es wird den Anthroposophen von Rudolf Steiner statt eines Hobbys die nahezu absurd anmutende Ungeheuerlichkeit zugemutet, zur Kenntnis zu nehmen, daß sie die ganz konkrete Verantwortung für das Weltgeschehen tragen, indem sie sich zu seiner Anthroposophie überhaupt in irgendein Verhältnis setzen (z.B. am 14. 8. 1920).

Als Anthroposoph hat man über die gegenwärtige Weltlage und die ihr entsprechenden Vorkommnisse zu erschrecken. Dieses Erschrecken kann sich allerdings sachgemäß nur auf die eigene Nicht-Leistung beziehen, da vorauszusetzen ist, daß die Weltlage aus diesem Versäumnis resultiert. In Ermangelung der geforderten Leistung ist das Erschrecken eine erste Vorleistung für künftige Arbeit. Die Vorleistung besteht darin, die speziell anthroposophische Aufgabe der Anthroposophen gegenüber Rudolf Steiner überhaupt ins Auge zu fassen.

Da diese Vorleistung seitens der schriftstellernden und vortragsredenden Anthroposophenschaft immer noch nicht erkennbar erbracht ist, wird im Jahre 1998 eine Art letzte Hilfestellung angeboten. Ich sehe derzeit diese Hilfestellung durch Wilfrid Jaensch dargeboten. Jaensch rechnet sich nicht zur Anthroposophischen Bewegung. Vielleicht begründet gerade dies seine Möglichkeit, Hilfe zu leisten.

Jaensch erzählt eine Geschichte. Wie ein guter Waldorflehrer den Kindern eine Geschichte erzählt. Nämlich ohne die Moral. Sondern mit Biß. Die Geschichte, die Jaensch erzählt, ist nicht bloß die bisher geheime Geschichte des genialen Walter Muschg. Es ist zugleich die Geschichte der Entdeckung dieses Genies. Diese Entdeckung, die Jaensch vor 33 Jahren gemacht hat, halte ich für auch deshalb für bedeutend, weil sie heute veröffentlicht wird. Es besteht Anlaß, dies zu betonen, da man ansonsten und im allgemeinen andere Dinge resp. Aussagen oder Erzählungen für bedeutend hält, die diese Eigenschaft ganz und gar nicht haben, und deshalb das hier aufgezeigte Ereignis verschlafen könnte.

Die Entdeckerleistung von Jaensch kann noch ganz anders, nämlich anthroposophisch, gewürdigt werden, wenn man sie im Zusammenhang mit der Situation zu sehen vermag, in welcher sie bekanntgemacht wird. Der Zusammenhang ist kein ausgedachter, sondern ein faktischer. Bekanntlich gibt es aber keine Fakten ohne den, der sie feststellt. Ich stelle fest: Es ist der Zusammenhang des übrigen Geisteslebens mit dem geistigen Streben oder eben Nicht-Streben der Anthroposophen. Das übrige Geistesleben, das von diesen Aufgaben dieses Strebens keine Ahnung hat, befaßte sich in diesen Wochen mit einem Problem, das unter dem Namen Martin Walser figuriert, aber ganz andere und umfassendere Dimensionen hat.

Herr Walser hat bekanntlich mit erheblichem Herzklopfen ganz schlicht das einmal öffentlich angedeutet, was man in Deutschland und anderswo nicht sagen darf: Die Ritualisierung des öffentlichen Schuldbekenntnisses der heutigen Deutschen am 'Holocaust' bewirkt das Gegenteil dessen, was dadurch angeblich erreicht werden soll. Eigentlich will es niemand mehr hören. Und wer seine Kollektivschuld aufgrund seiner öffentlichen Funktion stets erneut bekennen muß, findet sich in einer nicht unerheblichen Unaufrichtigkeit gegenüber seinen Empfindungen. Er fühlt nämlich dumpf, wie er durch dieses Ritual zu einem okkulten Bekenntnis völlig anderen Inhalts veranlaßt. Das öffentliche Bekenntnis der Deutschen zur Kollektivschuld am Holocaust liefert in der gängigen Fassung - ein okkultes Bekenntnis zu Adolf Hitler: Wir alle sind immer noch Adolf Hitlers Hofgesinde. Das ist die Botschaft, die wir Deutschen in diesem Ritual zu verbreiten haben. Solche 'Volkspädagogik' treibt manchem inzwischen die Röte der Empörung ins Gesicht. Es sei dahingestellt, ob man auf gewisser Seite nur darauf wartet…

Der Protest gegen die uns auferlegte zeremoniell-magische Bindung an das deutsche Unwesen wirft ein öffentliches, soziales und politisches Problem auf, das nur die Anthroposophen lösen könnten. Herr Walser oder Herr von Dohnany vermögen dies nicht. Dies ist kein persönlicher Mangel unserer derzeitig mutigsten geistigen Repräsentanten, sondern die Schuld der Anthroposophen. Das genannte Problem liegt in dem Wunsch der Deutschen nach Verzeihung und Vergessen, nach der Anerkennung dessen, daß die gegenwärtig lebende Generation von Deutschen mit der Vergangenheit persönlich nichts mehr zu tun habe. Es gibt jedoch Mächte in dem Bereich, den man euphemistisch als 'Öffentlichkeit' bezeichnet, die alles daran setzen, daß ein solches Verzeihen und Vergessen nicht einmal erwogen wird.

Diese Mächte machen sich verstärkt geltend, seitdem man in Dornach dazu übergegangen ist, den Schleier des Vergessens über die sogenannten 'alten Geschichten' zu breiten. Die gegenwärtige Generation der Anthroposophen betrachtet sich als von der Vergangenheit der Anthroposophischen Gesellschaft ebenso unbelastet, wie die gegenwärtige Generation der Deutschen sich unbelastet von der deutschen Vergangenheit fühlt. Während der sogenannten Wende und 'Wiedervereinigung' der Deutschen erleben wir die 'Wiedervereinigung' der Anthroposophischen Bewegung. Doch unter welchem Vorzeichen?

Bubis hat gegenwärtig stellvertretend für das nicht vorhandene Weltgewissen der Anthroposophen resp. Deutschen die wenig dankbare, aber im Weltzusammenhang unverzichtbare Aufgabe übernommen, 'die Deutschen' daran zu erinnern, daß sie etwas nicht geleistet haben, was von ihnen zu fordern ist, weil sie zu dieser Leistung verpflichtet sind. Diese Forderung wird als inzwischen unberechtigt empfunden. Eine solche Empfindung beruht auf einem mangelnden Begriffsvermögen. Die schuldige Leistung der Deutschen kann nur darin bestehen, die Empörung über eine Provokation in die Energie der Suche nach dem verlorenen Wort, nach der vergessenen geistigen Aufgabe der Deutsch sprechenden Menschen dieses Planeten zu umzuwandeln. Da liegt der Begriff für die Empfindungen Martin Walsers. Bringe ich diesen Begriff zu dem Faktum der Forderung des Judentums an die Deutschen hinzu, so besteht kein Anlaß zur Empfindlichkeit, sondern Anlaß zur geistigen Arbeit. Der Ansatz für die Arbeit liegt in dem Satz: Das radikale Judentum bewahrt das restliche Deutschtum gegenwärtig davor, durch das Vergessen seiner Verpflichtung dem Weltgeist gegenüber sich selbsttätig vollständig auszulöschen. Zugleich ist damit die nicht unerhebliche Gefahr verbunden, daß man sich im Sinne der okkult-zeremoniellen Inszenierung des Schuldbekenntnisses mit empörtem Aufschrei auf das sogenannte Deutschtum eines nur als Schnittpunkt gewisser okkulter Machenschaften aufgetretenen Adolf Hitler besinnt. - Die eigentliche, angesichts der Aussichtslosigkeit deutscher Besinnung unabschätzbar wertvollere Leistung eben dieses Judentums wäre es, wenn es gelänge, durch die genannte Provokation die Anthroposophen vor der freiwilligen Selbstauslöschung durch Vergessen ihrer Aufgabe zu bewahren. Dies können die Anthroposophen aber nur selber leisten. Wenn sie die Provokation denn merken würden…

Mit seinem Beitrag leistet Wilfrid Jaensch sowohl den Anthroposophen wie dem Judentum einen großen Dienst. Die Frage ist nur, ob dieser Dienst überhaupt erkannt und damit wirksam wird. Ebenso wie das Judentum verbirgt Jaensch die Art und Weise seiner Hilfestellung. Bevor Anthroposophie zur Angelegenheit der Juden, Mohammedaner oder aller Jener werden kann, die ihrer angeblich bedürfen, muß Anthroposophie zur Angelegenheit der Anthroposophen werden. Liebevolle Hilfestellungen haben deshalb verdeckt zu erfolgen, weil es darum geht, die seit Jahrtausenden ständig durch die Mysterienprüfungen gefallenen Eleven, die sich - nach Rudolf Steiner - derzeit in der Anthroposophischen Bewegung treffen, ihren Nachhilfeunterricht endlich einmal selbst organisieren zu lassen. Das Lernziel - nämlich ein anthroposophisch produktives Verständnis des gegenwärtigen Weltgeschehens zu entwickeln - kann nicht durch Einblasen der Lösungen erreicht werden. Wir 'Anthroposophen' sind schon doch gemeint, obwohl niemand von uns spricht. Im Sinne der Aussagen Rudolf Steiners sind ja die Katastrophen dieses Jahrhunderts als solche Hilfestellungen bei dem Finden eines den anthroposophischen Anforderungen entsprechenden Verhältnisses der Anthroposophen zur Anthroposophie gemeint. Erfassen wir die Gunst der Stunde und fragen, wo bisher keine Frage war. Wohlan also! Worum geht's?

Eine hervorstechende und besonders unangenehme Eigenschaft der Deutschen, also der Anthroposophen ist ihre Besserwisserei. Das 'Also' bedarf nun doch der Erläuterung. Da Rudolf Steiner die deutsche Sprache gewählt hat, um die Anthroposophie in die Welt zu legen, wie man sein Liebstes in ein Grab legt, werden die Anthroposophen durch Rudolf Steiner in eine Verpflichtung gegenüber der deutschen Sprache hineingenommen. Grabpflege ist das mindeste, was man von ihnen verlangen muß. Sie treten stellvertretend für die Deutschen, die sich ja stets nur durch die Sprache definieren konnten, in die Aufgabe ein, die dem Deutschtum vorbehalten war. Die Besserwisserei der Anthroposophen beruht auf dem gleichen Mißverständnis wie die Besserwisserei der Deutschen. Sie wollen mit der deutschen Sprache andere belehren, statt mit anderen den Weg zu suchen, sich von der deutschen Sprache belehren zu lassen. Im Falle der Anthroposophen handelt es sich zudem nicht um die inzwischen anonymisierte deutsche Sprache von derzeit 100 Millionen Fernsehkonsumenten, sondern um die Mysterien-Sprache Rudolf Steiners.

Anthroposophen belehren immer noch die Welt mit stets wachsendem Eifer und zunehmender Eloquenz über die Tatsachen, die in den anthroposophischen Schriften Rudolf Steiners zur Darstellung kommen. Offenbar aber haben sie es versäumt, sich selbst über die Tatsachen zu belehren, die aus dem Vorhandensein der Anthroposophie selber vor allen Inhalten derselben folgen. Daß das Auftreten Rudolf Steiners als solches bereits Folgen nach sich zieht, in deren Zusammenhang allein die Bedeutung der Anthroposophie gewürdigt und eingeschätzt werden kann, kann in Anthroposophenkreisen heute als weitgehend unbekannt angesehen werden. Es besteht um so mehr Veranlassung, diese Tatsachen, die aus Anthroposophie selber folgen, nunmehr mutig ins Auge zu fassen. Solche Veranlassung liefert 1998 Wilfrid Jaensch in bereits mehreren Ausführungen. Ich bin damit bereits beim Thema. Denn um von Jaenschs Hilfeleistung zu sprechen, muß erst etwas über Rudolf Steiner gesagt werden.

Tatsache ist: Rudolf Steiner möchte sein Auftreten nicht als Belehrung über irgendetwas, das bisher vielleicht übersehen worden ist, verstanden wissen, sondern als eine Aufforderung. Er fordert durch sein Auftreten selber seine Bekenner, 'die Anthroposophen' also, und dadurch alle übrigen Menschenleute zu einem Eingeständnis auf. Man darf sich dabei vorstellen, daß es für Leute mit wissenschaftlicher und sonstiger Reputation bzw. einem einigermaßen reputierlichen Selbstverständnis ganz und gar nicht leicht fällt, auch nur zu erwägen, etwas derartiges einzugestehen, wie es Rudolf Steiner fordert. Dennoch bleibt diese Tatsache bestehen. Sie folgt aus dem Auftreten, dem Vorhandensein der Anthroposophie selber, insofern uns diese Anthroposophie immer als die Anthroposophie Rudolf Steiners, im Sinne eines Genitivs also, als unaufhebbare Einheit von Name und Werk, vorgestellt wird.

Das Eingeständnis, das Anthroposophie als eine geistige Tatsache fordert, ist der Kernpunkt der Sache, um die es bei der Anthroposophie Rudolf Steiners geht. Anthroposophie nämlich 'veranlaßt das Eingeständnis, daß man lebensfremd denkt' (Rudolf Steiner: „Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft", Vorrede und Einleitung 1919).

Anders gesagt: Ohne die Vorleistung dieses Eingeständnisses ist eine Anthroposophie für uns gar nicht vorhanden. Wenn man trotzdem von 'Anthroposophie' spricht, so meint man damit irgendeine Heilslehre, wie sie neben anderen heute besser oder schlechter vermarktet wird. Das geforderte Eingeständnis fängt da an, wo einem auffällt: Die Tatsachen, die Anthroposophie darstellt, gehen doch alle aus der Tatsache der Anthroposophie erst hervor. Diese Tatsache 'Anthroposophie Rudolf Steiners' appelliert ausschließlich an das Denken. Daß heute den anthroposophischen Inhalten ganz ähnlich klingende Behauptungen in die Welt gestellt werden, die nicht den Anspruch haben, durch das eigene Denken erst Wahrheitswert zu erhalten, ist nichts als der Spiegel der Denkfaulheit derer, an deren denkendes Selbstverständnis Anthroposophie appelliert. Der erste energische Denkakt besteht nach Rudolf Steiner in der denkenden Verarbeitung der Beobachtung, daß man vom Denken nichts weiß. Man denkt sich beim Denken nichts, merkt es aber nicht. Darin offenbart sich eine entscheidende Unzulänglichkeit des eigenen Denkens. Diese mit allen Konsequenzen einzugestehen ist die zunächst höchste Denkleistung, zu der wir uns im Angesicht der Anthroposophie aufzuschwingen vermögen. Daß solches Eingeständnis erst den inneren Zugang zur Anthroposophie eröffnet - wenn es denn auch tatsächlich mit intellektueller Klarheit, also in Aufrichtigkeit und mit dem gebührenden Ernst errungen wurde - ist einer der propädeutischen 'Inhalte' der anthroposophischen Darstellungen Rudolf Steiners.

Erst durch dieses unverzichtbare Eingeständnis - auf allen Lebensgebieten - kann Anthroposophie den Menschen zu dem werden, was sie ihnen sein möchte. Die Aufgabe der Anthroposophischen Bewegung besteht schlicht darin, Anthroposophie als das eigentliche und tiefste Bedürfnis der Menschenseele zu erkennen. Bedürfnis nach etwas kann man nur haben, wenn man dieses Etwas entbehrt. Das Bedürfnis nach Anthroposophie entsteht erst im dem Entbehren der Anthroposophie. Die Entbehrung selbst ist die erste Form, in der das Entbehrte sich ankündigt. Jedenfalls dann - und dies ist dann wohl unsere genuine Eigenleistung - wenn wir uns dieses Zusammenhangs bewußt werden. Das Bedürfnis nach Anthroposophie bewußt zu machen, kann man wohl als die vornehmste und vielleicht einzig mögliche Aufgabenstellung für Anthroposophen betrachten - sich selbst und den anderen Menschen gegenüber. Wie sollten Anthroposophen dies aber leisten, wenn sie selber das Bedürfnis nach Anthroposophie nicht entwickeln?

Es ist eine Unaufrichtigkeit Rudolf Steiner gegenüber und ein gefährlicher Selbstbetrug, sich einzubilden, man besitze die Inhalte der Anthroposophie zu eigener Verfügung, nur weil man sie mit Hilfe ganz banaler Lektüre und ebensolchen Nachdenkens sich angelesen hat. In dieser Unaufrichtigkeit, in diesem Selbstbetrug leben Anthroposophen nun schon seit 1925 ganz offiziell unangefochten. Man darf es doch wohl noch sagen: Indem Rudolf Steiner das anthroposophische Eingeständnis einforderte, kraft eigenen Denkens die Ergebnisse seiner bisherigen Denkbemühungen in Frage zu stellen - also kraft der Anthroposophie sich selbst zur Frage zu erheben - wurde er zum Ärgernis der Anthroposophischen Gesellschaft, die ohne Rudolf Steiner seitdem weit besser mit ihrem Selbstverständnis zurechtkommt als zu den Zeiten seiner physischen Präsenz. Anthroposophie ohne Rudolf Steiner ist angesagt. Die Mächte, die unsere sog. Öffentlichkeit beherrschen, fordern dies ganz unverhohlen ein. Und man gehorcht diesem Befehl anscheinend ganz freiwillig. Man will doch schließlich modern sein. Und dennoch ist diese Haltung nicht selbstverständlich. Es gab auch andere Möglichkeiten. Und es gibt sie noch heute.

Als Adolf Arenson nach dem Vortrags-Zyklus Rudolf Steiners über das Erdinnere öffentlich gestand: „Ich habe es nicht verstanden!", da war er zutiefst betroffen und aufrichtig. Seitdem sind solche Bekenntnisse in der Anthroposophischen Bewegung keine öffentlich praktizierte Übung mehr. Man setzt schlicht voraus: Wir haben verstanden. Und das verkündet man auch noch ebenso. Seltsam nur, daß die Leute inzwischen jedem hergelaufenen Magier oder Guru sein sogenanntes Wissen eher abnehmen und das absurdeste Zeug für möglich halten, als die Anthroposophen ernst zu nehmen. Und doch meinte man: Man müsse der Welt signalisieren: Wir haben verstanden. Wie sollte man auch sonst öffentlich auftreten? Das ist doch das Problem! Man hat es verdrängt. Man bestätigt sich gegenseitig, daß man große Stücke aufeinander hält. Und anscheinend fühlt man sich dabei ganz aufrichtig. Spricht aber die Empfindung die gleiche Sprache? Ich wage es zu bezweifeln. Es besteht da ein seltsamer Übergang, ein schläfriges Hinübergleiten, ein quasi somnambules Wandeln aus dem anfänglichen ärgerlichen Zustand des 'Wer zum Teufel soll diesen Steiner eigentlich verstehen? Ich jedenfalls nicht!' zu dem anderen: 'Ich habe verstanden! Und ich fühle mich berufen, euch Unwissende zu belehren.' Daß mit dem Belehren auch ein Beliefern mit Biodyn, Waldorf und Weleda verbunden ist, kennzeichnet die Situation noch einmal schärfer in einer bestimmten Richtung…

Adolf Arenson hat sich später wohl nicht mehr an sein mündlich überliefertes Eingeständnis erinnern können. Schließlich wurde er, nachdem er lange über Rudolf Steiner nachgedacht hat, der geistige Vater der anthroposophischen Lexika, die das Werk Rudolf Steiners zum Steinbruch für alle die privaten oder kommunalen geistig-seelischen Mini-Goetheanums herabstufen, in denen wir unsere Abbe-Ecken-Existenz (es gibt nichts, woran man sich noch stoßen kann) fristen. Arenson hat schlicht vergessen zu fragen, was denn sein Denken mit dem Objekt seines Nachdenkens zu tun haben kann. Arenson wendet aufgrund dieses Vergessens irgendwelche Ausdrücke auf Rudolf Steiner zu dessen 'Erklärung' an. 'Stop calling me names' sagt der Engländer, wenn jemand sich anheischig macht, über ihn nachzudenken, und dabei auch noch zu eigenen Ergebnissen zu kommen, die dann für ihn öffentlich verbindlich sein sollen… So hat Wilfrid Jaensch nicht Adolf Arenson als das Genie des 20. Jahrhunderts, als den Magier des Selbstbewußtseins der Dinge enthüllen können. Nein, keinen Anthroposophen. Sondern eben - Walter Muschg. Oder doch?

Jaensch schildert den Ordinarius, den Professor Walter Muschg als einen wahrhaft Bekennenden. Denn was heißt profiteri? Öffentlich bekennen! Jaensch schildert uns - und dies darf er tatsächlich im Dezember 1998 in der damit doch wieder anthroposophischen Wochenschrift mit dem Titel: Das Goetheanum! - einen, der in der Tat bekennt, daß er ein Nichts ist gegenüber der deutschen Sprache. Dieses Bekenntnis wird nicht als ein Lippenbekenntnis eloquent dahergeredet - es wird vollzogen. - Man lese es ruhig noch einmal nach, wie wunderbar Jaensch die Dramatik dieses Bekenntnisses beschreibt. - Die Studenten zittern, weil sie spüren, daß sie durch jede Äußerung, die sie unter den durch diesen heiligen Bekennenden geschaffenen Bedingungen zu tun wagen, sich selbst passiv oder aktiv der Vernichtung ausliefern, die der Magus Muschg an sich selbst vollzieht. Das Nichts des Walter Muschg, der Schrecken seiner Studenten, ist das Eingeständnis: 'Ich habe es nicht verstanden'. In diesem Nichts ersteht durch einen selbstlosen, für die Zuschauer selbstmörderischen Akt der Selbstaufhebung - die Selbstschöpfung des Denkers Walter Muschg in den Dingen, vor denen er gestanden hat, ohne sie zu verstehen. Die Dinge, die in dem Bewußtsein des Walter Muschg aus dem Grabe der Welt auferstehen, sind die Urdinge selbst, die Worte. Es sind die Worte der deutschen Sprache, wie die Goethe geschaffen hat. Es sind die Worte der Sprache Rudolf Steiners.

Jaensch beschreibt den bewegenden Moment, in welchem er das Mysterium des Auto-Hierophanten Muschg entdeckt. Er wartet 33 Jahre, bis er dieses Mysterium veröffentlicht. Die Veröffentlichung dieses Mysteriums erfolgt im Jahre 1998. Es ist - das Mysterium der 'schwarzen Sonne'. Darunter verstehe ich - dank Jaensch - nun: Die Selbsterzeugung des Denkers aus dem Nichts, aus dem Grab des Wortes, aus der Sprache heraus - kraft des Denkens. Das tote Wort wird in der Gestalt des Denkers Walter Muschg lebendig. Der Magier des Geistes, der sich selbst - und das ist jetzt 'das Wort' - aus dem Nichts erschafft, tritt uns in seiner Schilderung entgegen. Der Magier des Geistes - das ist derjenige, der aus eigener Kraft ver-geht, der zum Gei-er wird, der die Leichname der abgestorbenen Worte verzehrt, die uns die Luft zum Atmen verpesten - die Schwerstarbeit des Germanistik-Professors Muschg - , und der sich in dieser selbstlosen Tätigkeit selbst zum Ge-ist steigert, zu dem, der im Gehen, in der Selbstaufhebung, also durch die Liebe, das ewige Sein für die Dinge erlangt, der 'ist'. Jaensch schildert - ich bitte um Verzeihung, wenn ich nun die bereits abgestorbene, aber in diesem Zusammenhang vielleicht noch einmal erhellende Bezeichnung zu benutzen wage - den Anthroposophen Muschg.

Leider konnte Walter Muschg den zitternden Martin Walser nicht zur Wahrheit ermuntern. Die Wahrheit des Martin Walser hätte vom Goetheanum aus vor die Welt treten müssen. In Dornach aber hält man die Wahrheit für eine nette Geschichte. Man kann sie sogar mit Ablichtungen aus dem privaten Album illustrieren. Die Wahrheit des Martin Walser aber bleibt ihm selber und allen Beteiligten unbekannt. Es ist die Wahrheit einer Schuld. Der wahren Schuld der Deutschen. Aber nein. Nicht der Deutschen. Der Anthroposophen. Was ihre Schuldigkeit ist, hat Wilfrid Jaensch ihnen in einer Geschichte erzählt. Durch eine Geschichte wird Niemand zum Verstehen gezwungen. Man kann sie erzählen, einfach weil sie interessant ist. Niemand entdeckt darin einen Vorwurf. Oder ein Vorbild. Oder gar die Anmahnung einer Schuldigkeit. Was man nicht leisten kann, das kann auch niemand von einem verlangen, nicht wahr? Diese Anmerkung hier ist keine solche Geschichte. Und sie wird deshalb auch wohl nicht gedruckt werden. Das hat dann schon auch seine Richtigkeit.

Richtig ist aber auch: Herr Bubis und seine einflußreichen Freunde in aller Welt werden nicht ruhen. Wir Deutschen werden auf jeden Fall zur Rechenschaft gezogen. Nur werden wir nicht wissen, wofür eigentlich. Und das hat wohl doch nicht so ganz seine Richtigkeit. - Naja, wir sind ja inzwischen aufgeklärte Weltbürger. Da betrifft uns der Vorwurf an die Deutschen ja nicht direkt. Und als Weltbürger kann man dann, wenn auch das letzte Schuldgefühl zerstäubt ist, ja immerhin die Geschichte der Deutschen schreiben. Oder Geschichten über sie. Wie über Rudolf Steiner. Und das ist dann für die Welt ja auch etwas. Zum Schluß. Sozusagen. Oder etwa nicht?

Erdmannhausen, am 21. 12.1998 Rüdiger Blankertz

 


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