R.ST.B.

Archiv zum Thema:
Anthroposophie als soziale Pädagogik

A und O

Autor: Rüdiger Blankertz


Zum Selbstverständnis dieses Archivs

Anthroposophie als soziale Pädagogik?

Vielfach wird die Anthroposophie Rudolf Steiners als eine Lehre aufgefaßt. Das hat gute Gründe. Hat doch die Beschäftigung mit Anthroposophie immer den Charakter, daß sie den Leser - belehren kann. Jedoch besteht ein Unterschied dieser Lehre zu anderen Lehren, die ähnliches zu leisten vorgeben. Die Lehre Rudolf Steiners ist nicht ohne den Lehrer zu verstehen. Man kann und darf die Lehre nicht vom Lehrer trennen. Werk und Name Rudolf Steiners sind ihrem Selbstverständnis nach untrennbar.

Wenn dies so ist, dann erhebt sich die Frage, woher denn die vielen Lehrer in Sachen Anthroposophie kommen? Kaum hat man den Inhalt der anthroposophischen Bücher und Vorträge sich angeeignet, fühlt man sich schon berechtigt, denselben an andere weiterzugeben. So findet man heute eine große Zahl von Autoren, die die Anthroposophie Rudolf Steiners nach ihrem Verständnis popularisieren. Wer so auftritt, hat etwas Entscheidendes übersehen. Anthroposophie ist kein zu pädagogisch zu vermittelnder Inhalt. Sie ist selbst Pädagogik.

Rudolf Steiner hat seine Anthroposophie als eine pädagogische Veranstaltung großen Stils verstanden. Nicht der Inhalt der Schriften, wie er mit den üblichen Mitteln aufgefaßt werden kann, ist ihm das Wesentliche. Sondern vor allem die Art, in welcher diese Inhalte dargestellt werden. Die Inhalte könnte man vielleicht hier und dort auch wieder finden - die Art der Darstellung ist unvergleichlich und derzeit nur bei Rudolf Steiner selbst zu haben.

Das Wesentliche ist, wie der Leser sich anstrengen muß, um aus dem Satzbau, aus der Wortwahl, aus dem Klang der Sprache heraus einen Zugang zu den Ebenen zu erhalten, aus dem heraus zu ihm durch die Schrift Rudolf Steiners gesprochen wird. Ist einmal eingesehen, daß jede Popularisierung der angeblichen Inhalte der Anthroposophie Rudolf Steiners sich gegen deren Grundintention richtet, so folgt daraus ein anderes Verhältnis zu den Schriften und den anderen Texten Rudolf Steiners. Man wird in dieser Hinsicht eher bestrebt sein, auf diese einmalige Besonderheit hinzuweisen, und weniger eine "populäre" Wiedergabe zu versuchen. Anthroposophie aufzufassen, wird durch ihre Populariserung nicht leichter, sondern schwerer. Sie verschwindet dadurch einfach aus dem Bewußtsein. Eine "Anthroposophie ohne Bewußtsein" aber ist unfruchtbar. Der korrekte Hinweis auf die Wahrheit der Anthroposophie, ihre grundlegende Übereinstimmung von Form und Gehalt, von Prozeß und Gestalt, kann die schwierige, aber fruchtbare Auseinandersetzung mit Rudolf Steiners Werk anregen.

Solche Hinweise können heute nicht beliebt sein. Man übt sich geradezu in Popularität. Und wer etwa behaupten wollte, daß zur Auffassung des wahren Gehaltes der Schriften Steiners eine ebensolche methodische Vorbereitung gehört wie zur Auffassung der Lehrsätze der höheren Mathematik, der wird gar leicht als "undemokratisch" angesehen, weil er Unvorbereiteten das Urteilsvermögen abspricht, über das "Gelesene" etwas Zutreffendes aussagen zu können. Wer meint, er könne die Anthroposophie Rudolf Steiners so zur Kenntnis nehmen, wie man gewohnt ist, anderes heutzutage Geschriebenes aufzufassen, der ist der Lage eines eifrigen Kopisten, der beim Abschreiben die Sätze vor sich her sagt, die er kopiert. Das Verständnis dieser Sätze wird bei vielfacher Wiederholung des Vorgangs ja gewiß befördert. Aber es ist eben nicht durch das bloße Nachsprechen schon verfügbar. Das Gelesene muß erarbeitet werden.

Anthroposophie wirkt durch die Art ihres Auftretens in der Richtung solcher Schwierigkeiten, die die Überzeugung schwierig machen, man habe etwas verstanden. Jedenfalls wird sie dann so wirken, wenn die Kollegen, die Mitmenschen und Zeitgenossen sich von oberflächlicher Kenntnisnahme der Anthroposophie frei gehalten haben, oder gar nichts davon wissen. Sie werden nämlich denjenigen zurückweisen, der ihnen von Inhalten und "Erlebnissen" sprechen möchte, die ihrer Erfahrung nicht zugänglich sind. So standen die Dinge jedenfalls bis vor etwa 20 Jahren.

Heute haben wir eine "esoterisch verseuchte" Zeitgenossenschaft. Alles, was früher als "gedankliches Gut" der Anthroposophie fast ausschließlich in der "Verfügung" der Anhänger Rudolf Steiners war, wird in den Medien, in dem alltäglichen Gerede der Leute mit gedankenlosen Wortklängen 'zitiert'. Man könnte meinen, daß das unzureichende Verständnis der Popularisatoren der Anthroposophie sich auf die gesamte Menschheit übertragen habe. Dies wäre ein Beispiel für einen Vorgang, der auch auf anderen Gebieten des Lebens beobachtet werden kann. So werden heute die Vertreter der Anthroposophie in der Öffentlichkeit damit bedrängt, daß einerseits Anthroposophie den "Esoterikern" als etwas Esoterisches gilt, das leider ein bißchen schwierig formuliert ist, andererseits den "Anti-Esoterikern" als etwas Sektenhaftes. Wenn man auf die gegenwärtige Verfassung z.B. der Freien Waldorfschulen hinsieht, könnte man meinen, daß das eigentliche Anliegen der anthroposophischen Pädagogik von den genannten beiden Seiten erdrückt werden soll, und die Waldorf-Pädagogen aus dieser Zwickmühle in die innere Belanglosigkeit zu flüchten versucht zu sein scheinen. Die einzige Möglichkeit, sich mit dieser Bedrängnis erflgreich auseinanderzusetzen, liegt in der konsequenten Hinwendung zu dem ursprünglich anthroposophischen Charakter der Anthroposophie. Was dies heißen mag, ist jedoch nicht ohne weiteres klar, da eben derselbe weitgehend unbekannt geworden ist...

Die Texte, die in diesem Archiv abgelegt sind, kommen aus der persönlichen Auseinandersetzung das Autors mit der Frage, die durch Anthroposophie Rudolf Steiners angeregt werden soll . Sie erheben nicht den Anspruch, die Lösung des Problems Rudolf Steiner zu beinhalten. Die Lösung desselben kann nur - die Anthroposophie Rudolf Steiners selbst sein. Aber sie wollen dazu beitragen, daß diese Fragestellung, aus deren Vergessen die schier hoffnungslose Art und Weise hervorgeht, in welcher sich das Problem der Anthroposophie heute stellt, nicht weiter verdrängt wird. Anthroposophie stellt die Frage nach Anthroposophie selbst dar und vor uns hin. Sie ist eine Provokation und damit selbst Pädagogik. Sie will nicht so lehren, wie man heute das Lehren und Lernen eben aufzufassen gewohnt wurde. Sie will dazu anregen, die Frage zu stellen, auf die Anthroposophie selbst die Antwort ist. Die Art dieser Anregung und die Mittel, die sie einsetzt, sind umfänglicher und radikaler, als man sich zunächst denken kann. Wer nach dieser Pädagogik zu fragen beginnt, der kann gar nicht anders, als den Blick auf die Weltverhältnisse zu richten, und dabei Selbsterkenntnis zu erfahren. Ob diese Erfahrung dann auch begriffen wird - das ist eben die andere Frage. Welche Frage? Die Frage, wie Anthroposophie Pädagogik sein kann. Denn ohne denjenigen, der die in ihr liegende Provokation erfaßt und ergreift, läuft Anthroposophie zunächst ins Leere. Jedoch werden die Weltverhältnisse, die sich dadurch einstellen, ihrerseits für eine noch andere Art der Provokation sorgen. ...

Provokation heißt: Hervorrufung. Wer wird so hervor gerufen? Den es noch nicht gibt, der aber durch die Provokation sich selbst erzeugt, wenn er zugleich die Intention derselben durch die Schulung seiner Aufmerksamkeit anhand der Schriften Rudolf Steiners zu erkennen beginnt. So drehen sich viele der hier abgelegten Studien um die Probleme, die man so mit der Anthroposophie hat - oder haben sollte. Weiteres ist in Arbeit und soll dann ebenfalls hier abgelegt werden, wenn es seine eigentliche Aufgabe erfüllt hat.

Rüdiger Blankertz

Beispiel einer Aussage Rudolf Steiners zu seiner Darstellungsart.


R.ST.B.

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Anthroposophie als soziale Pädagogik

A und O

Autor: Rüdiger Blankertz


Zum Selbstverständnis dieses Archivs

Anthroposophie als soziale Pädagogik?

Vielfach wird die Anthroposophie Rudolf Steiners als eine Lehre aufgefaßt. Das hat gute Gründe. Hat doch die Beschäftigung mit Anthroposophie immer den Charakter, daß sie den Leser - belehren kann. Jedoch besteht ein Unterschied dieser Lehre zu anderen Lehren, die ähnliches zu leisten vorgeben. Die Lehre Rudolf Steiners ist nicht ohne den Lehrer zu verstehen. Man kann und darf die Lehre nicht vom Lehrer trennen. Werk und Name Rudolf Steiners sind ihrem Selbstverständnis nach untrennbar.

Wenn dies so ist, dann erhebt sich die Frage, woher denn die vielen Lehrer in Sachen Anthroposophie kommen? Kaum hat man den Inhalt der anthroposophischen Bücher und Vorträge sich angeeignet, fühlt man sich schon berechtigt, denselben an andere weiterzugeben. So findet man heute eine große Zahl von Autoren, die die Anthroposophie Rudolf Steiners nach ihrem Verständnis popularisieren. Wer so auftritt, hat etwas Entscheidendes übersehen. Anthroposophie ist kein zu pädagogisch zu vermittelnder Inhalt. Sie ist selbst Pädagogik.

Rudolf Steiner hat seine Anthroposophie als eine pädagogische Veranstaltung großen Stils verstanden. Nicht der Inhalt der Schriften, wie er mit den üblichen Mitteln aufgefaßt werden kann, ist ihm das Wesentliche. Sondern vor allem die Art, in welcher diese Inhalte dargestellt werden. Die Inhalte könnte man vielleicht hier und dort auch wieder finden - die Art der Darstellung ist unvergleichlich und derzeit nur bei Rudolf Steiner selbst zu haben.

Das Wesentliche ist, wie der Leser sich anstrengen muß, um aus dem Satzbau, aus der Wortwahl, aus dem Klang der Sprache heraus einen Zugang zu den Ebenen zu erhalten, aus dem heraus zu ihm durch die Schrift Rudolf Steiners gesprochen wird. Ist einmal eingesehen, daß jede Popularisierung der angeblichen Inhalte der Anthroposophie Rudolf Steiners sich gegen deren Grundintention richtet, so folgt daraus ein anderes Verhältnis zu den Schriften und den anderen Texten Rudolf Steiners. Man wird in dieser Hinsicht eher bestrebt sein, auf diese einmalige Besonderheit hinzuweisen, und weniger eine "populäre" Wiedergabe zu versuchen. Anthroposophie aufzufassen, wird durch ihre Populariserung nicht leichter, sondern schwerer. Sie verschwindet dadurch einfach aus dem Bewußtsein. Eine "Anthroposophie ohne Bewußtsein" aber ist unfruchtbar. Der korrekte Hinweis auf die Wahrheit der Anthroposophie, ihre grundlegende Übereinstimmung von Form und Gehalt, von Prozeß und Gestalt, kann die schwierige, aber fruchtbare Auseinandersetzung mit Rudolf Steiners Werk anregen.

Solche Hinweise können heute nicht beliebt sein. Man übt sich geradezu in Popularität. Und wer etwa behaupten wollte, daß zur Auffassung des wahren Gehaltes der Schriften Steiners eine ebensolche methodische Vorbereitung gehört wie zur Auffassung der Lehrsätze der höheren Mathematik, der wird gar leicht als "undemokratisch" angesehen, weil er Unvorbereiteten das Urteilsvermögen abspricht, über das "Gelesene" etwas Zutreffendes aussagen zu können. Wer meint, er könne die Anthroposophie Rudolf Steiners so zur Kenntnis nehmen, wie man gewohnt ist, anderes heutzutage Geschriebenes aufzufassen, der ist der Lage eines eifrigen Kopisten, der beim Abschreiben die Sätze vor sich her sagt, die er kopiert. Das Verständnis dieser Sätze wird bei vielfacher Wiederholung des Vorgangs ja gewiß befördert. Aber es ist eben nicht durch das bloße Nachsprechen schon verfügbar. Das Gelesene muß erarbeitet werden.

Anthroposophie wirkt durch die Art ihres Auftretens in der Richtung solcher Schwierigkeiten, die die Überzeugung schwierig machen, man habe etwas verstanden. Jedenfalls wird sie dann so wirken, wenn die Kollegen, die Mitmenschen und Zeitgenossen sich von oberflächlicher Kenntnisnahme der Anthroposophie frei gehalten haben, oder gar nichts davon wissen. Sie werden nämlich denjenigen zurückweisen, der ihnen von Inhalten und "Erlebnissen" sprechen möchte, die ihrer Erfahrung nicht zugänglich sind. So standen die Dinge jedenfalls bis vor etwa 20 Jahren.

Heute haben wir eine "esoterisch verseuchte" Zeitgenossenschaft. Alles, was früher als "gedankliches Gut" der Anthroposophie fast ausschließlich in der "Verfügung" der Anhänger Rudolf Steiners war, wird in den Medien, in dem alltäglichen Gerede der Leute mit gedankenlosen Wortklängen 'zitiert'. Man könnte meinen, daß das unzureichende Verständnis der Popularisatoren der Anthroposophie sich auf die gesamte Menschheit übertragen habe. Dies wäre ein Beispiel für einen Vorgang, der auch auf anderen Gebieten des Lebens beobachtet werden kann. So werden heute die Vertreter der Anthroposophie in der Öffentlichkeit damit bedrängt, daß einerseits Anthroposophie den "Esoterikern" als etwas Esoterisches gilt, das leider ein bißchen schwierig formuliert ist, andererseits den "Anti-Esoterikern" als etwas Sektenhaftes. Wenn man auf die gegenwärtige Verfassung z.B. der Freien Waldorfschulen hinsieht, könnte man meinen, daß das eigentliche Anliegen der anthroposophischen Pädagogik von den genannten beiden Seiten erdrückt werden soll, und die Waldorf-Pädagogen aus dieser Zwickmühle in die innere Belanglosigkeit zu flüchten versucht zu sein scheinen. Die einzige Möglichkeit, sich mit dieser Bedrängnis erflgreich auseinanderzusetzen, liegt in der konsequenten Hinwendung zu dem ursprünglich anthroposophischen Charakter der Anthroposophie. Was dies heißen mag, ist jedoch nicht ohne weiteres klar, da eben derselbe weitgehend unbekannt geworden ist...

Die Texte, die in diesem Archiv abgelegt sind, kommen aus der persönlichen Auseinandersetzung das Autors mit der Frage, die durch Anthroposophie Rudolf Steiners angeregt werden soll . Sie erheben nicht den Anspruch, die Lösung des Problems Rudolf Steiner zu beinhalten. Die Lösung desselben kann nur - die Anthroposophie Rudolf Steiners selbst sein. Aber sie wollen dazu beitragen, daß diese Fragestellung, aus deren Vergessen die schier hoffnungslose Art und Weise hervorgeht, in welcher sich das Problem der Anthroposophie heute stellt, nicht weiter verdrängt wird. Anthroposophie stellt die Frage nach Anthroposophie selbst dar und vor uns hin. Sie ist eine Provokation und damit selbst Pädagogik. Sie will nicht so lehren, wie man heute das Lehren und Lernen eben aufzufassen gewohnt wurde. Sie will dazu anregen, die Frage zu stellen, auf die Anthroposophie selbst die Antwort ist. Die Art dieser Anregung und die Mittel, die sie einsetzt, sind umfänglicher und radikaler, als man sich zunächst denken kann. Wer nach dieser Pädagogik zu fragen beginnt, der kann gar nicht anders, als den Blick auf die Weltverhältnisse zu richten, und dabei Selbsterkenntnis zu erfahren. Ob diese Erfahrung dann auch begriffen wird - das ist eben die andere Frage. Welche Frage? Die Frage, wie Anthroposophie Pädagogik sein kann. Denn ohne denjenigen, der die in ihr liegende Provokation erfaßt und ergreift, läuft Anthroposophie zunächst ins Leere. Jedoch werden die Weltverhältnisse, die sich dadurch einstellen, ihrerseits für eine noch andere Art der Provokation sorgen. ...

Provokation heißt: Hervorrufung. Wer wird so hervor gerufen? Den es noch nicht gibt, der aber durch die Provokation sich selbst erzeugt, wenn er zugleich die Intention derselben durch die Schulung seiner Aufmerksamkeit anhand der Schriften Rudolf Steiners zu erkennen beginnt. So drehen sich viele der hier abgelegten Studien um die Probleme, die man so mit der Anthroposophie hat - oder haben sollte. Weiteres ist in Arbeit und soll dann ebenfalls hier abgelegt werden, wenn es seine eigentliche Aufgabe erfüllt hat.

Rüdiger Blankertz

Beispiel einer Aussage Rudolf Steiners zu seiner Darstellungsart.


R.ST.B.

Archiv zum Thema:
Anthroposophie als soziale Pädagogik

A und O

Autor: Rüdiger Blankertz


Zum Selbstverständnis dieses Archivs

Anthroposophie als soziale Pädagogik?

Vielfach wird die Anthroposophie Rudolf Steiners als eine Lehre aufgefaßt. Das hat gute Gründe. Hat doch die Beschäftigung mit Anthroposophie immer den Charakter, daß sie den Leser - belehren kann. Jedoch besteht ein Unterschied dieser Lehre zu anderen Lehren, die ähnliches zu leisten vorgeben. Die Lehre Rudolf Steiners ist nicht ohne den Lehrer zu verstehen. Man kann und darf die Lehre nicht vom Lehrer trennen. Werk und Name Rudolf Steiners sind ihrem Selbstverständnis nach untrennbar.

Wenn dies so ist, dann erhebt sich die Frage, woher denn die vielen Lehrer in Sachen Anthroposophie kommen? Kaum hat man den Inhalt der anthroposophischen Bücher und Vorträge sich angeeignet, fühlt man sich schon berechtigt, denselben an andere weiterzugeben. So findet man heute eine große Zahl von Autoren, die die Anthroposophie Rudolf Steiners nach ihrem Verständnis popularisieren. Wer so auftritt, hat etwas Entscheidendes übersehen. Anthroposophie ist kein zu pädagogisch zu vermittelnder Inhalt. Sie ist selbst Pädagogik.

Rudolf Steiner hat seine Anthroposophie als eine pädagogische Veranstaltung großen Stils verstanden. Nicht der Inhalt der Schriften, wie er mit den üblichen Mitteln aufgefaßt werden kann, ist ihm das Wesentliche. Sondern vor allem die Art, in welcher diese Inhalte dargestellt werden. Die Inhalte könnte man vielleicht hier und dort auch wieder finden - die Art der Darstellung ist unvergleichlich und derzeit nur bei Rudolf Steiner selbst zu haben.

Das Wesentliche ist, wie der Leser sich anstrengen muß, um aus dem Satzbau, aus der Wortwahl, aus dem Klang der Sprache heraus einen Zugang zu den Ebenen zu erhalten, aus dem heraus zu ihm durch die Schrift Rudolf Steiners gesprochen wird. Ist einmal eingesehen, daß jede Popularisierung der angeblichen Inhalte der Anthroposophie Rudolf Steiners sich gegen deren Grundintention richtet, so folgt daraus ein anderes Verhältnis zu den Schriften und den anderen Texten Rudolf Steiners. Man wird in dieser Hinsicht eher bestrebt sein, auf diese einmalige Besonderheit hinzuweisen, und weniger eine "populäre" Wiedergabe zu versuchen. Anthroposophie aufzufassen, wird durch ihre Populariserung nicht leichter, sondern schwerer. Sie verschwindet dadurch einfach aus dem Bewußtsein. Eine "Anthroposophie ohne Bewußtsein" aber ist unfruchtbar. Der korrekte Hinweis auf die Wahrheit der Anthroposophie, ihre grundlegende Übereinstimmung von Form und Gehalt, von Prozeß und Gestalt, kann die schwierige, aber fruchtbare Auseinandersetzung mit Rudolf Steiners Werk anregen.

Solche Hinweise können heute nicht beliebt sein. Man übt sich geradezu in Popularität. Und wer etwa behaupten wollte, daß zur Auffassung des wahren Gehaltes der Schriften Steiners eine ebensolche methodische Vorbereitung gehört wie zur Auffassung der Lehrsätze der höheren Mathematik, der wird gar leicht als "undemokratisch" angesehen, weil er Unvorbereiteten das Urteilsvermögen abspricht, über das "Gelesene" etwas Zutreffendes aussagen zu können. Wer meint, er könne die Anthroposophie Rudolf Steiners so zur Kenntnis nehmen, wie man gewohnt ist, anderes heutzutage Geschriebenes aufzufassen, der ist der Lage eines eifrigen Kopisten, der beim Abschreiben die Sätze vor sich her sagt, die er kopiert. Das Verständnis dieser Sätze wird bei vielfacher Wiederholung des Vorgangs ja gewiß befördert. Aber es ist eben nicht durch das bloße Nachsprechen schon verfügbar. Das Gelesene muß erarbeitet werden.

Anthroposophie wirkt durch die Art ihres Auftretens in der Richtung solcher Schwierigkeiten, die die Überzeugung schwierig machen, man habe etwas verstanden. Jedenfalls wird sie dann so wirken, wenn die Kollegen, die Mitmenschen und Zeitgenossen sich von oberflächlicher Kenntnisnahme der Anthroposophie frei gehalten haben, oder gar nichts davon wissen. Sie werden nämlich denjenigen zurückweisen, der ihnen von Inhalten und "Erlebnissen" sprechen möchte, die ihrer Erfahrung nicht zugänglich sind. So standen die Dinge jedenfalls bis vor etwa 20 Jahren.

Heute haben wir eine "esoterisch verseuchte" Zeitgenossenschaft. Alles, was früher als "gedankliches Gut" der Anthroposophie fast ausschließlich in der "Verfügung" der Anhänger Rudolf Steiners war, wird in den Medien, in dem alltäglichen Gerede der Leute mit gedankenlosen Wortklängen 'zitiert'. Man könnte meinen, daß das unzureichende Verständnis der Popularisatoren der Anthroposophie sich auf die gesamte Menschheit übertragen habe. Dies wäre ein Beispiel für einen Vorgang, der auch auf anderen Gebieten des Lebens beobachtet werden kann. So werden heute die Vertreter der Anthroposophie in der Öffentlichkeit damit bedrängt, daß einerseits Anthroposophie den "Esoterikern" als etwas Esoterisches gilt, das leider ein bißchen schwierig formuliert ist, andererseits den "Anti-Esoterikern" als etwas Sektenhaftes. Wenn man auf die gegenwärtige Verfassung z.B. der Freien Waldorfschulen hinsieht, könnte man meinen, daß das eigentliche Anliegen der anthroposophischen Pädagogik von den genannten beiden Seiten erdrückt werden soll, und die Waldorf-Pädagogen aus dieser Zwickmühle in die innere Belanglosigkeit zu flüchten versucht zu sein scheinen. Die einzige Möglichkeit, sich mit dieser Bedrängnis erflgreich auseinanderzusetzen, liegt in der konsequenten Hinwendung zu dem ursprünglich anthroposophischen Charakter der Anthroposophie. Was dies heißen mag, ist jedoch nicht ohne weiteres klar, da eben derselbe weitgehend unbekannt geworden ist...

Die Texte, die in diesem Archiv abgelegt sind, kommen aus der persönlichen Auseinandersetzung das Autors mit der Frage, die durch Anthroposophie Rudolf Steiners angeregt werden soll . Sie erheben nicht den Anspruch, die Lösung des Problems Rudolf Steiner zu beinhalten. Die Lösung desselben kann nur - die Anthroposophie Rudolf Steiners selbst sein. Aber sie wollen dazu beitragen, daß diese Fragestellung, aus deren Vergessen die schier hoffnungslose Art und Weise hervorgeht, in welcher sich das Problem der Anthroposophie heute stellt, nicht weiter verdrängt wird. Anthroposophie stellt die Frage nach Anthroposophie selbst dar und vor uns hin. Sie ist eine Provokation und damit selbst Pädagogik. Sie will nicht so lehren, wie man heute das Lehren und Lernen eben aufzufassen gewohnt wurde. Sie will dazu anregen, die Frage zu stellen, auf die Anthroposophie selbst die Antwort ist. Die Art dieser Anregung und die Mittel, die sie einsetzt, sind umfänglicher und radikaler, als man sich zunächst denken kann. Wer nach dieser Pädagogik zu fragen beginnt, der kann gar nicht anders, als den Blick auf die Weltverhältnisse zu richten, und dabei Selbsterkenntnis zu erfahren. Ob diese Erfahrung dann auch begriffen wird - das ist eben die andere Frage. Welche Frage? Die Frage, wie Anthroposophie Pädagogik sein kann. Denn ohne denjenigen, der die in ihr liegende Provokation erfaßt und ergreift, läuft Anthroposophie zunächst ins Leere. Jedoch werden die Weltverhältnisse, die sich dadurch einstellen, ihrerseits für eine noch andere Art der Provokation sorgen. ...

Provokation heißt: Hervorrufung. Wer wird so hervor gerufen? Den es noch nicht gibt, der aber durch die Provokation sich selbst erzeugt, wenn er zugleich die Intention derselben durch die Schulung seiner Aufmerksamkeit anhand der Schriften Rudolf Steiners zu erkennen beginnt. So drehen sich viele der hier abgelegten Studien um die Probleme, die man so mit der Anthroposophie hat - oder haben sollte. Weiteres ist in Arbeit und soll dann ebenfalls hier abgelegt werden, wenn es seine eigentliche Aufgabe erfüllt hat.

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